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Jeder, der ihm selber und seinen Mitmenschen 
rühmlich erscheint — was doch eigentlich nichts an¬ 
deres sein könne, als dass man als freier Mann seiner 
Ueberzeugung folgen solle und bei seinen Mitmenschen 
eines guten Rufes geniessen müsse. Gott fürchten, recht 
thun und die Brüder lieben, verlange Judenthum und 
Christenthum; wer diese Pflichten übt, ist rechter Frei¬ 
maurer, ob Jude oder Christ. 
XII. 
Marbach und Goethe. 
Dass Marbach ein grosser Verehrer Goethe's und 
von den Werken des Altmeisters begeistert war, ist bei 
seiner ganzen Naturanlage selbstverständlich. Zeigte er 
doch diese Begeisterung auch für die anderen Geistes¬ 
heroen nicht nur des deutschen, sondern auch des Grie¬ 
chen- und Römervolkes, wie seine schriftstellerischen Ar¬ 
beiten so vielfach beweisen; aber zu keinem fühlte er 
sich mehr hingezogen als zu Goethe. 
Er selbst erzählt, dass er im Jahre 1829 als Halle¬ 
scher Student nach Weimar gereist sei aus keinem an¬ 
deren Grunde, als Goethe von Angesicht zu Angesicht 
zu schauen. Sein sehnliches Verlangen, ihm persönlich 
vorgestellt zu werden, wurde zwar nicht erfüllt, wie 
er gehofft, aber er konnte ihn wenigstens am Fenster 
erblicken und am Nachmittage gelang es ihm durch 
Vermittlung des Gärtners in Goethe's Gartenhaus einzu¬ 
treten. 
In dem Arbeitszimmer des grossen Mannes fand er 
auf dem Schreibtisch ein Blatt Papier von Goethe's Hand