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Es gibt wohl kaum eine größere Freude 
für einen Jnstitutszögling, als an einem 
Tage im Monat seine Eltern besuchen zu 
können und wieder ein paar Stunden der 
Freiheit im Kreise seiner Lieben zu ver¬ 
bringen. Mit welcher Ungeduld wird dieser 
Tag erwartet, und mit welchem Bedauern 
sieht man seinem Ende entgegen. 
Tiese frohen und traurigen Gefühle hat 
einst auch mein fünfzehnjähriges Knaben¬ 
herz empfunden. 
Meine Eltern hatten mich an ein der 
Heimat fernes Kolleg gebracht, und wenn 
es mir die Entfernung nicht erlaubte, gerade 
sie zu besuchen, so hatte sich dennoch ein in 
der Nähe wohnender Freund meines Vaters 
erboten, mich jeden freien Tag bei sich' zu¬ 
bringen zu lassen. 
Tiese Aussicht >var allein imstande, mich 
über die Trennung von meinen geliebten 
Eltern zu trösten. 
Mein Vater hatte im Laufe der Jahre 
öfters den Namen seines Freundes genannt 
uikd hatte nie genug die Eigenschaften sei¬ 
nes Herzens und seines Geistes rühinen 
können. 
Außerdem aber besaß Herr Bernard noch 
ein großes Talent, das ihm ein ganz be¬ 
sonderes Aussehen gab: er war ein berühm¬ 
ter Violinspieler, dem ganz Frankreich hul¬ 
digte. 
Ich selbst auch schwärmte für Musik und 
empfand deshalb schon im vorhinein eine 
tiefe Verehrung für jenen bevorzugten Mann. 
So konnte ich denn den Augenblick kaum 
erwarten, wo es mir vergönnt sein sollte, 
diesen Meister der Kunst kennen zu lernen. 
Man kann sich dennoch leicht vorstellen, 
mit welchem Jubel ich den ersten freien Tag 
begrüßte, welchen ich bei ihm zubringen 
durste. 
Schon um neun Uhr morgens kam der 
Wagen, um mich abzuholen, da die Villa 
des Künstlers in einiger Entfernung der 
Stadt lag. Wie stolz saß ich in dem Zwei¬ 
spänner und wie wichtig kam ich mir in 
den Augen meiner Mitschüler vor! Ich 
fuhr ja zu einem Mästor, den s i c nur hören, 
bewundern und dem sie applaudieren konn¬ 
ten, mit dem i ch aber sprechen und ver¬ 
kehren durfte wie mit meinesgleichen. 
Endlich hielt der Wagen vor einem präch¬ 
tigen Hause. Ein in Livree gekleideter Die¬ 
ner öffnete mir das Tor. Schüchtern stieg 
ich eine mit Teppichen belegte Treppe hinauf 
und wurde in den Salon geführt. Es be¬ 
fand sich niemand in demselben, und so 
konnte ich denn ungehindert alles darin Ent¬ 
haltene genau besichtigen. 
Mit aufrichtiger Bewunderung betrachtete 
ich das schöne, elegante Zimmer. Mit sei¬ 
nen kostbaren Möbeln, seinen kunstvollen 
Bildern, den weichen persischen Teppichen 
und den exotischen Pflanzen kam es mir 
ganz märchenhaft vor. Plötzlich fiel mein 
Blick auf ein kleines Glasschränkchcu, wel¬ 
ches unter dem Porträt eines alten Herrn 
hing, und in dem sich eine kleine braune 
Kindergeige befand. Meine Neugierde war 
auf das höchste gereizt. Tiese kleine Geige 
mußte mit einer interessanten Geschichte Zu¬ 
sammenhängen, das erriet ich sogleich. Wenn 
ich sie nur erfahren könnte, dachte ich, und 
trat noch näher an das Schränkchen heran, 
um dessen Inhalt genauer zu betrachten. 
Plötzlich öffnete sich die Türe und im näch¬ 
sten Augenblick stand Herr Bernard an mei¬ 
ner Seite. 
„Grüß dich Gott, Fritz," sagte er, mir 
die Hand entgegenstreckend, „und sei herzlich 
willkommen in meinem Hause, das du von 
nun an als dein zweites Vaterhaus betrach¬ 
ten sollst. Oho," fügte er lächelnd hinzu, 
„ich sehe, daß du bereits, wie alle, die dieses 
Zimmer zum erstenmal betreten, mit Ver¬ 
wunderung aus diese kleine Geige blickst, und 
gewiß frägst du dich, was es wohl zu be¬ 
deuten hat, daß ein so unscheinbares Jn- 
strumentchen so kostbar aufbewahrt wird. 
Wohlan, ich will deine Neugierde befriedi¬ 
gen, noch bevor man uns zum Gabelfrüh¬ 
stück ruft. 
Nachdem wir uns gesetzt hatten, begann 
der Künstler: 
„Ich bin nicht von jeher der reiche an¬ 
gesehene Mann gewesen, denn du heute vor 
dir siehst. Es war an einem heißen August¬ 
abend, als drei Personen über die staubige 
Landstraße gingen, welche zu dem Torfe U. 
führte. Ein junger Mann lehnte an dem 
Arme feiner Gattin und bewegte sich mühsam 
vorwärts. Man sah es seinen glühenden 
Wangen, seinem schweren Atem an, daß er 
krank war. Auch die Frau sah schwach und 
elend aus, dennoch kam keine Klage über 
ihre Lippen. Hie und da wandte sie sich 
um und sagte mit milder Stimme: 
„Komm nur, mein Kindchen, komm, wir 
werden bald an Ort und Stelle angelangt 
sein, und mein Söhnchen wird sich aus¬ 
ruhen können." 
Tiese mütterliche Aufforderung galt einem 
siebenjährigen Büblein, das mit Mühe nach¬ 
trippelte. Tie zerzausten Locken umrahmten 
sein rundes Gesichtchen, ein schäbiger Anzug 
bedeckte seinen kleinen Körper, das Höschen 
zeigte ein Loch, aus dem eine weiße Fahne 
hervorguckte. Tiescr kleine Knabe war nie¬ 
mand anders als ich selbst, und jene Leute 
waren meine Eltern. 
Sie verbrachten ihr Leben mit dem Herum¬ 
wandern von Tors zu Dorf, von Stadt 
zu Stadt. Mein Vater spielte Geige, meine 
Mutter begleitete ihn auf der Guitarre, und 
sie waren zufrieden mit ihrem Wanderleben, 
an das sie von Kindheit an gewöhnt ge¬ 
wesen. Innige, gegenseitige Liebe erfüllte 
ihre Herzen, und wenn sich nur einige klin¬ 
gende Münzen in ihren Taschen befanden, 
fühlten sie sich vollständig glücklich. 
Aber an jenem Abend lastete es schwer 
auf den Herzen der beiden jungen Leute, und 
die lachende Zukunft nahm plötzlich einen 
gar finsteren Ausdruck für sie an: der Mann 
war krank, schwer krank, und das spärliche 
Geld, welches er bei sich trug, -würde wohl 
kaum für längere Zeit genügen. 
Tie Sorge um Frau und Kind schien 
ihin noch die letzten Kräfte zu rauben, denn 
nur mit der größten Anstrengung gelang 
es ihm, das Dorf zu erreichen, und als 
die kleine Familie endlich ein Obdach ge¬ 
funden. brach er ohnmächtig zusammen. We¬ 
nige Tage darauf hauchte mein armer Vater 
seinen letzten Atemzug aus. Vierzehn Tage 
später kniete derselbe Priester, der meinem 
Vater in den letzten Augenblicken beigestan¬ 
den, an einem ztveitcu Sterbelager: es war 
meine Mutter, die ihrem Gatten in die ewige 
Heimat folgte. 
Ich blieb als Waise zurück. 
Am selben Tage noch, an dem meine 
Mutter die Augen für immer geschlossen, 
kam eine junge Bäuerin zu mir, nahm mich 
bei der Hand und führte mich in ihr Haus. 
Sie gab mir ein paar Holzschuhe, setzte mir 
ein blaues Mützchen auf den Kopf, und 
von da an wurde ich Hirtenknabe. Jeven 
Morgen führte ich meine Herde Kühe und 
Schafe auf die Weide und verbrachte viele 
Stunden aus dem Felde. 
Ich war zu jung, um den Tod, den Ver¬ 
lust jener, die mir überaus teuer gewesen, 
in ihrer ganzen Größe ermessen zu können; 
allein eine unendliche Lehre erfüllte mein 
Herz seit jenem Tage, wo ich niemanden 
mehr Vater und Mutter nennen konnte. Ich 
sehnte niich nach den zärtlichen Blicken mei¬ 
ner guten Mutter, ich ries nach den Lieb¬ 
kosungen meines Vaters — aber vergebens. 
Ich empfand nur einen Trost in meinem 
Kummer, das war jene kleine, braune Geige, 
auf der mir mein Vater die ersten Stunden 
gegeben und die er mir als einziges Ver¬ 
mächtnis zurückgelassen. In meiner Ein¬ 
samkeit spielte ich darauf die wohlbekannten 
Melodien, die mir so oft zu Herzen gegangen. 
Ich lauschte dem Gesänge der Vögel und 
suchte ihn auf meinem Instrumente wieder- 
. zugeben, und was ich den Menschen nicht 
zu sagen wagte, das vertraute ich meiner 
kleinen Geige an, das tiefe, unsagbare Weh, 
das meine junge Seele erfüllte. 
Allein manchmal vermochte auch die Vio¬ 
line nicht den Schmerz in meiner Brust 
zu lindern, die Sehnsucht nach meinen Eltern 
wurde inimer größer, das Gefühl der Ver¬ 
lassenheit immer stärker. Wie oft legte ich 
in solchen Augenblicken verzweislungsvoll 
meine kleine Geige auf den Rasen und weinte 
bitterlich. 
Hörten denn meine Eltern das Rufen ihres 
Kindes nicht? Warum kommen sie nicht 
zu ihm zurück? . . . 
„Tcine Eltern sind im Himmel bei dem 
lieben Gott," hatte mir eines Tages die 
junge Bäuerin gesagt, als ich ihr endlich 
einmal mein Leid klagte. 
Tiese Worte machten einen tiefen Eindruck 
aus mich, sie brachten mich auf einen Ge¬ 
danken, der mir keine Ruhe mehr ließ. Ich 
erbat mir von dem Töchterchen der Bäuerin 
einen Bogen Pavier und einen Bleistiit, und 
als ich an einem schönen Frühlingsmorgen 
meine Vierfüßler aufs Feld trieb, nahm ich 
beides mit, holte mir einen Stein und schrieb 
einen Brief. Zum Glück hatte ich die 
Schreibkunst während des Winters in der 
Schule teilweise erlernt." 
Bei diesen Worten stand Herr Bernard aus, 
öffnete eine kleine Schatulle aus Ebenholz 
und überreichte mir ein zusanimengefaltetes, 
bereits vergilbtes Stück Papier. 
„Tas ist jener Brief," sagte er lächelnd, 
während ich zu lesen begann: 
Gcerter Her Golk 
Ich habe gehört, das du so gut bist und 
ale tröstet die Kumer haben. Nun, sist 
du, ich bin ser unglücklich, denn meine Eltern 
sind zu dir in den Himel gegangen und 
ich süle mich so einsam und verlasen. Bitte,