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liber Her Got, schicke mir meine liben El¬ 
tern zurück. Ich will auch recht braf sein, 
und wenn Papa einen großen Künstler aus 
mir gemacht hat, wil ich dir täglich aus 
Tank etwas Vorspielen. Ich Hofe, du wirst 
mir antworten, fererter Her Got. Tis ist 
meine Adrese: ich bin seks Jare alt, Heise 
Karlchen und bin Hirtenknabe bei der Bäue¬ 
rin Margarete im Dorf U. Ich grise dich 
und libe dich, aus ganzem Herzen. 
Karlchen Bernard. 
„Tu siehst, Fritz," fuhr nun der Künstler 
fort, „daß es ein regelrechter Brief war, 
dem nicht einmal die Adresse fehlte: An 
den Herrn Got — im Himel." 
Noch am selben Abend lief ich zur Post 
und warf mein Schriftstück in den Brief¬ 
kasten. 
Am nächsten Tag, als ich in der glühenden 
Mittagssonne mit meiner Herde ein schatti¬ 
ges Plätzchen ausgesucht, um mich auszu¬ 
ruhen, fiel mein Blick plötzlich ans einen 
alten Herrn, der langsamen Schrittes auf 
mich zukam. Ich sah, wie er öfters stehen 
blieb und die dicken Schweißtropfen von der 
Stirne wischte. Als er meiner gewahr wurde, 
machte er mir ein Zeichen, näherzntreten. 
Ich legte meine Geige,, auf der ich eben 
gespielt hatte, auf die Erde nieder und lief 
zu ihm. 
„Bist du Karl Bernard, mein kleiner 
Freund?" fragte der alte Mann in freund¬ 
lichem Tone. 
„Jawohl, gnädiger Herr, der bin ich," 
antwortete ich und blickte erstaunt auf den 
Fremden. 
„Tann komm. Kleiner, wir wollen uns 
hier niedersetzen und plaudern. Bist du es, 
der einen Brief an den lieben Gott geschrie¬ 
ben?" 
„Ja! Sie wissen davon?" fragte ich, 
höchst verwundert aus den alten Mann blik- 
kend, dessen Auge voll Güte auf mir ruhten. 
„Ja, mein Kind, und es ist der liebe Gott, 
der mich nun auch zu dir schickt." 
Ich sah den Fremden mit offenem Munde 
an, ich konnte die ganze Sachlage nicht be¬ 
greifen. Wie war es möglich, daß dieser 
Herr so schnell vom Himmel gekommen sei, 
und warum hatte der liebe Gott nicht meine 
Eltern geschickt? 
Ter alte Herr mußte meine Gedanken er¬ 
raten haben, denn er sagte lächelnd: 
„Deine Eltern können den Himmel nicht 
verlassen, mein liebes Kind, aber der liebe 
Gott hat mich geschickt, damit ich sie bei 
dir ersetze. Du sollst mit mir kommen und 
von nun an bei mir wohnen." 
Ich war zu überrascht, um antworten zu 
können. Mir war so wunderbar zumute, 
ich wußte selbst nicht wie. Doch plötzlich kam 
mir ein Gedanke, der mich meine Fassung 
wieder gewinnen ließ. „Werden Sie aber 
auch aus mir einen Künstler machen, wie 
Papa es getan hätte?" fragte ich ängstlich. 
Ter Fremde lächelte. „Willst du denn 
Künstler werden?" 
„O ja, ein großer Geiger. Ich habe auch 
schon eine Violine," fügte ich schnell hinzu, 
und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte 
ich, sie zu holen, setzte den Bogen an, und 
im nächsten Augenblicke tönte sanft und innig 
das wohlbekannte Volkslied: „Es ist bestimmt 
in Gottes Rat," das letzte Lied, welches ich 
meinen Vater kurz vor seinem Tode hatte 
spielen hören. 
Als ich das Lied beendigt hatte, fiel mein 
Blick auf den alten Mann, im Augenblick, 
wo er sich verstohlen eine Träne abtrocknete, 
dann hörte ich ihn leise ein paarmal die 
Worte „ein Genie — ein Genie" wiederholen, 
aber ich verstand deren Sinn nicht. Ich 
fühlte nur, wie mich zwei Arme umschlangen 
und ein Kuß auf meine Wangen gedruckt 
wurde. Dann vernahm ich deutlich die 
Worte: 
„Ja, Kind, du sollst ein großer, großer 
Künstler werden!" 
Ein Freudenschrei entrang sich meiner 
kleinen Brust und jede Förmlichkeit verges¬ 
send, fiel ich meinem Wohltäter um den 
Hals. 
Herr Harton hielt Wort. Schon am näch¬ 
sten Tage nahm ich Abschied von der guten 
Bäuerin, die sich meiner im Unglück ange¬ 
nommen hatte, von meiner Herde, von Feld 
und Wiese, und zog bei meinem Pflegevater 
ein, der mich nun ein neues Leben beginnen 
ließ. Tie schönsten Stunden des Tages 
waren immer jene, wo ich meine kleine Geige 
in die Hand nehmen und meiner geliebten 
Kunst leben durfte. 
Mein Wohltäter scheute keine Mühe und 
keine Kosten, um mich in derselben vervoll¬ 
kommnen zu lassen. Anfangs studierte ich 
eifrig unter der Leitung des Torfoi^ganisten, 
der selbst ein guter Violinspieler war: später 
lernte ich hier in P., und so brachte ich 
es endlich zu der Fertigkeit, der ich heute 
meinen Ruhm verdanke. 
Erst nach Verlaus einiger Jahre erfuhr 
ich, welcher Mittel sich Gott, der Vater und 
Beschützer der Witwen und Waisen, bedient 
hatte, um meinen Brief, den ich ihm einstens 
geschrieben, zu „beantworten", wie ich es 
nämlich in meiner kindlichen und vertrauens¬ 
vollen Einfalt geglaubt. 
Herr Harton war seit vielen Jahren Post¬ 
beamter und alle Briese gingen durch seine 
Hand. So fand er denn eines Tages auch 
meinen Brief, der an den lieben Gott adres¬ 
siert gewesen. Er öffnete das Briefchen, 
las, und wenige Stunden später war sein 
Entschluß gefaßt. Er war nicht .reich, sein 
kleiner Beamtengehalt reichte eben nur aus, 
um sein einfaches Leben zu fristen; aber 
wenn er noch länger arbeitete, statt wie er 
es vorgehabt, in Pension zu gehen, und 
sich noch manche kleine Bequemlichkeit, die 
er sich jetzt gegönnt, versagte, würde er es 
mit Gottes Hilfe schon zustande bringen, das 
arme, verlassene Kind zu erziehen und Vater¬ 
stelle an ihm zu vertreten. Was waren 
einige Opfer im Vergleich zu dem Glücke, 
eine Seele vielleicht dem Verderben, und 
ein menschliches Wesen dem Elend zu ent¬ 
ziehen . . . 
„O Fritz," schloß Herr Karl Bernard, und 
seine Stimme klang bewegt, während sein 
feuchtes Auge mit dem Ausdruck inniger 
Tankbarkeit auf deni Porträt des Greises 
ruhte, „diesem edlen, großmütigen Herzen 
verdanke ich mein ganzes Lebensglück. Durch 
seine Güte und seinen Opfermut ist es mir 
gelungen, mir einen Weg durch die Welt 
zu bahnen und das Ziel zu erreichen, das 
von Kindheit an der sehnlichste Wunsch mei¬ 
nes Herzens gewesen. Lange Jahre sind 
es nun her, seitdem mein Wohltäter im Grabe 
ruht: aber das Versprechen, welches ich dem 
lieben Gott als Kind gemacht, habe ich bis 
zum heutigen Tage nicht vergessen. 
So oft ich meinen Stradivarius zur Hand 
nehme, und meiner Phantasie freien Laus 
lasse, lockt mein Bogen den Saiten eine 
innige Melodie heraus: es ist ein Tankes¬ 
lied, welches ich zum Throne des Allmäch¬ 
tigen cmporsendc für den wunderbaren Schutz, 
den er einst dem armen Waisenkinde verlieh. 
Ties ist die Geschichte der kleinen braunen 
Geige, die ich stets als teure Erinnerung be¬ 
wahrt. Auch für dich, mein Kind, birgt 
sie eine ernste Lehre: 
Bewahre stets deinen Glauben, tue Gutes 
und vergiß die Tankbarkeit nicht. Darin ist 
das ganze Geheimnis des menschlichen Glückes 
enthalten." 
Vas vermißte 8chitt. von ). flavus. 
Nachdruck verboten. 
An einein schönen Frühlingsmorgcn im 
ersten Viertel des 18. Jahrhunderts war 
zu Tethy, einem kleinen Hafen an der Ost¬ 
küste, ein großes Fest. Tie Händler schlos- 
seu ihre Läden, die Arbeiter bekamen Ur¬ 
laub, alles strömte nach der Kade, wo das 
seefahrende Element der Bevölkerung schon 
versammelt war. 
In gewöhnlichen Zeiten war Tethy ein 
stilles, langweiliges Städtchen, das verborgen 
am Ufer des Flusses lag und sich mit seinen 
votgedeckten Häusern gegen einen Hügelrücken 
anlehnte. ' Heute aber ging es lebhast dort 
zu. Keine alte Frau war hinter ihrem 
Spinnrade geblieben. Tie Kade wimmelte 
von Menschen. Denn es wurde ein großes 
Ereignis erwartet: das größte Schiss, da? 
jemals zu Tethy gebaut worden, sollte seine 
erste Reise antreten. 
Während man wartete, laut, und ausgeregt 
von den Schissen sprechend, die schon früher 
zu Tethy vom Stapel gelaufen waren, von 
ihrem Erbauen, von Reisen und Abenteuern, 
zeigte sich auf dem schönen Barkschiffe, das 
auf dem Flusse vor Anker lag, das erste 
weiße Segel. Ter Anker wurde gelichtet, 
alle Segel wurden gehißt, und langsam, feier¬ 
lich setzte das neue Schiff sich in Bewegung. 
Eine warme Brise schwellte die Segel, und 
wie ein weißer Schwan trieb die Barke in 
kurzer Entfernung vom Ufer an der Kade 
vorbei, die Männer schwenkten ihre Hüte, 
die Frauen hoben ihre Kinder auf, alles 
jubelte und jauchzte und rief Lebewohl, halb 
lachend und halb weinend — denn die ganze 
Bemannung, vom Kapitän bis zum Schisfs- 
jungen, bestand aus Söhnen von Tethy. Und 
lange, lange sollte die Reise dauern. Nach 
fernen, fernen Meeren richtete sich der spitze 
Bug. 
Außerhalb des Hafens wurde das Ruder 
gewandt, der Kurs geändert. Wie ein leben¬ 
des Wesen neigte das Schiss sich nach dem 
Winde. Tie Matrosen sprangen in die Ma¬ 
sten, ihre Mützen schwenkend, dem langsam 
im Hintergründe verschwindenden Tethy ihre 
letzten Abschiedsgrüße zuzurufen. Ein don¬ 
nerndes Hurrah am User antwortete darauf, 
rauh und stark, das. Schluchzen der Frauen 
übertönend, wie der Sturmwind das Mur¬ 
meln des Bächleins übertönt. 
Sie sahen und sahen der Barke nach, bis 
ihre Augen trübe dadurch wurden — bis 
am Horizont nur noch ein dreieckiger weißer 
Punkt zu unterscheiden war. Sie sahen da¬ 
nach, bis auch dieser verschwunden war wie 
ein in der Sonne schmelzendes Schneeslöckchen.