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Anler der Tropensonne. 
Roman von Trika Grupe-Lörcher. 
(11. Fortsetzung.) 
Sie war zu ihm herausgetreten und er sah, wie sie 
erregt an ihrem Spitzenkleide nestelte. „Ich sitze schon 
sehr lange hier und habe meinen Gedanken nachgehangen", 
sagte er schonend. Da unterbrach sie ihn: „Sie sitzen schon 
sehr lange hier?" N 
„Ja, dort, auf einer Bank tief ini Schatten Ihrer 
Palmen und Oleauderbüsche, mir ging so manches durch 
den Sinn, Donna Sylvia", setzte er traurig und zögernd 
hinzu: „und der Platz liegt so verborgen, das; er zu einem 
unfreiwilligen Lauscherposten für mich wurde —" Sie 
ergriff hastig seine Hand und fiel heiser vor Erregung in 
die Rede — „Und Sie haben alles gehört — alles —" 
„Ja", sagte er schlicht und wandte den Blick fort. 
Er hielt es für gegeben, ihr das zu sagen, da er ihr 
gegenüber kein Spion sein wollte. Als er sie wieder an¬ 
sah, hingen ihr die Arme schlaff herunter, und im Mond¬ 
schein sah er, daß ein bitterer Zug auf ihrem Gesicht 
lag. Er trat näher und bot ihr voll schlichter Herzlichkeit 
die Hand. 
- „Haben Sie Vertrauen zu mir und glauben Sie mir, 
daß ich nur den Wunsch habe, Ihnen zu helfen." 
. Unter dem Ton seiner liebevollen Herzlichkeit schmolz 
chr Rest von Selbstbeherrschung. Sie empfand es bitfler, 
daß nun ein Dritter von dem allen wissen sollte. Da 
verbarg Sylvia das Gesicht in beide Hände und murmelte 
Unter Herr hervorbrechenden Tränen: 
„Ich bin so unglücklich! 'Don Jgnatio — wenn Sie 
wüßten, wie unglücklich ich mich fühle!" 
r Auf dem Treppenhaus hörte man näherkommend 
Herberts Stimme, der den Dienern noch einige Befehle 
austeilte. Da hob Sylvia den Kopf und sagte bestürzt: 
»Gute Nacht, Don Jgnatio, mein Mann wird Sie be¬ 
gleiten! Ich bin mehr als müde!" — Sie reichte ihm 
uuchtig die Hand und ging, als flüchte sie vor Herbert, 
auer durch den Speisesaal in ihr Schlafzimmer, das am 
oberen Ende des Flügels lag. 
Jgnatio bemerkte, daß Herbert gar nicht sehr er 
staunt war, als er ihm mitteilte, daß Sylvia sich bereits 
SUr Ruhe begeben habe. Es schien also öfters vorzukommen, 
daß Sylvia ohne einen Gutenachtgruß sich' zurückzog. 
Als Herbert ihn dann durch den Speisesaal an den 
Unteren Teil des Flügels führte und eine der leichtfedcrnd.en 
«tmmertüren aufstoßend, sagte: „Hier ist Ihr Zimmer 
ück, hoffe, Sie morgen früh nicht zu stören, da ich nebenan 
schlafe", biß Jgnatio sich auf die Lippen. Denn er ml. 
buii in das Elend dieser Ehe. 
4. Kapitel. 
Es war einige Tage später, am Ostersonntag. über 
d°n Straßen von Manila lag eine tiefe Stille, Schon 
mt zwei Tagen war Feierlichkeit über die ganze Stadt 
^breitet; da seit dem Morgen des Karfreitags kein Wagen 
duf den Straßen fahren, kein Geräusch ans den HäiNrrn 
dringen durfte. 
, Am Ostersonntag früh morgens, als die-ersten leuch 
Mden Sonnenstrahlen über dieses üppige Trovculand 
(Nachdruck verboten.) 
gingen, hatte man die übliche erste Prozession in der Ver¬ 
sinnbildlichung der Begegnung Christi mit Maria vollführt: 
aus einer kleinen Seitenkapelle wurde unter lateinischem 
Gesang die Heilige herausgetragen. Ein zweiter Teil der 
Proze'sivn, den in einer Wachsfigur künstlerisch dargestellten 
Christus in ihrer Mitte, bewegte sich zu gleicher Zeit aus 
den; Haupttor der Kathedrale durch eine andere Straße. 
An einer bestimmten Straßenecke begegneten sich unter 
Gebeten und Gesang die beiden Prozessionen, Maria ver¬ 
liebte sich dreimal vor dem Herrn und beide Figuren 
wurden dann nebeneinander gemeinsam in das Hauptportal 
der Kathedrale zurückgetragen. 
Pepe kehrte soeben von dieser Prozession in der Morgen¬ 
frühe zurück. Er war vor' einigen Tagen zum Katholi¬ 
zismus übergetreten. Die andere Dienerschaft neckte Pepe 
zwar und behauptete, der Chinese habe diesen Schritt nur 
getan, um sich mit Rosenkränzen und anderen bunten 
Dingen in seiner Eitelkeit behängen zu können. 
Er war in Gedanken an die prächtig geschmückte 
Heilige so sehr vertieft, daß er wie im Traum die hölzerne 
schmale Dienerschaftstreppe ernporstieg, die von; Hofe aus 
in die Küche führte. Aber plötzlich schrie er laut auf, denn 
er fühlte sich derb an seinem langen, herabhängenden Zopf 
gerissen. Voller Wut ivandte Pepe sich um, und sah seinen 
Zopf in den Händen eines Affen. Der Chinese riß und' 
zog,-und als es ihm gelungen war, sich zu befreien, stürzte 
er unter Wutgeschrei die'Stufen hinunter, uni sich auf dem 
Hof in Sicherheit zu bringen. 
Neben der hölzernen Dienertreppe stand ein großes 
hölzernes Gestell mit langen Stäben, an denen vier fidele 
Affen, an fleirta Ketten gefesselt, turnten und sich be¬ 
lustigten. Sie bildeten rni! ' ;• possierlichen Sprüngen 
und Dressuren das Gaudium der malayischen Dienerschaft, 
die die Tiere sorgfältig fütterte. Nur die beiden Chinesen, 
der Koch Huapichong und Pepe, hatten einen Zorn gegen 
die Tiere, weil die Affen einen ganz ^«Mlärlichen Haß 
gegen die Chinesen zur Schau trugen. Ihre Abneigung 
äußerte sich hauptsächlich darin, daß sie den Chinesen jedes¬ 
mal auflauerten, wenn sie die Dienertreppe hinaufstiegen, 
i in dann plötzlich auf die lang herabhängenden Zöpfe zu 
stürzen und sie unbarmherzig zu zausen. 
Auf das Gehen! Pepes, der jetzt in der Mitte des 
Hcfcs stand, sich jammernd den Zopf.hielt, kam Antonio 
in den Hof geeilt. Zuerst lachte er den Chinesen aus« Als 
aber ksieser jammerte, daß sein schöner neuer Rosenkranz 
niit teilweise zerschlagenen Kugeln noch unter dem gefahr¬ 
vollen Affenständer lag, holte Antonio ihm, von den Affen 
v> t freundlichem Ou eken begrüßt, den verlorenen Schatz 
unbehelligt wieder. 
„Ich lasse dir die Kugeln wieder einsetzen!" be- 
schwichtigte Antonio den Chinesen, „aber sei ruhig, am 
Onersonulag brüllt man nicht so laut. Sag' mir, hast du 
vielleicht den Herrn gesehen?" 
„T er Herr ist eben dort über di« große Treppe inS 
Cntre ol gegangen", entgegncte Pep«, seinen Rosenkranz 
über laut mageren Rippen in die Welte schiebend.