Unterhaltungs-Beilage 
des „Möser Ureisblattes" 
jj Hummer (9. 
Druck und Verlag: 
3.Z. Uth's Hosduchdrnüerei 
veramwsrtl. Schriftleiter: 
Leo Urh. Fulda. 
Jahrgang ,9(7. j 
■‘Römern von (Erik 
(18. Fortsetzung.) 
Sylvia sah vor sich nieder. — „Der Spruch", fuhr Herbert 
dann fort, „ist mir damals an meiner Konfirmation in unserer 
schönen Michaeliskirche in Hamburg mitgegeben worden. 
Aber ich habe damals nicht allzu viel über seinen Sinn 
nachgegrübelt. Seitdem kurz nacheinander beide Eltern 
starben, und meine beiden Brüder auch, seitdem. ich mich 
durch die schwere Zeit der Lehre gedrückt, die Kommiszeit 
verging und ich dann hierheraus ging, ist in meinem 
Leben von Liebe keine Rede gewesen. Aber als ich hier 
rasch voran kam, da dämmerte die Frage in mir auf: 
»Für wen, für was arbeitest du seit Jahren niit solcher 
Energie? Kommst du selbst zu irgendeiner Freude an deinem 
Gelingen?" Sieh, ich fühlte mich einsam, fühlte mich 
liebearm. Wir Europäer betrachten das Hiersein ^.sa nur 
als vorübergehende Arbeitszeit, in der man sein Häuflein 
Geld zusammenscharrt, um dann in die schöne Heimat zu¬ 
rückzukehren. Und mit den Jahren wuchs das Heimweh 
nach meinem lieben Hamburg I In deni Gedanken, daß 
eine Frau Mir mein Herz, mein Leben, mein Haus be¬ 
reichern solle, stand als festes Ziel, daß nur eine Ham¬ 
burgerin es sein dürfe; ein Mädchen, das all jene Statten, 
jene Straßen, jene Namen meiner Heimat kennt —. Und 
als Petersens einmal schrieben, daß. du ein so stattliches 
junges Mädchen geworden seiest, daß du dich tapfer allein 
durchschlügest — da fiel mir ein, daß ja auch du allein 
durchs Leben gingest, daß auch demselben nicht unter dem 
Zeichen der Liebe stand. Da glaubte ich, unsere Ehe 
müsse einen guten Klang geben. Und wir beide verlobten 
uns. — 
Als ich' dich auf dem Schiff aus der Herreise wußte, 
habe ich die Wochen uyd Tage gezählt. Ich habe lange 
Abende in meinem großen Saal oben allein gesessen und 
mir ausgemalt, wenn du mir erst gegenüber säßest und 
mir viel Neues aus Hamburg erzählen solltest. Und Er¬ 
innerungen wollten wir austauschen. wie es so köstlich an. 
Jungfernstieg war, wenn der feine, silberne, dunstige Nebel¬ 
reif sich von der Alster hob — und wenn die weißen 
Schwäne majestätisch durch di? Flut zogen, wenn man im 
Dämmern aus dem Fährhaus am Hasen stand! Durch 
den dämmernden Abend ragten die vielen Schiffsmasten 
auf, und unzählige bunte Lichter gingen gleich farbigen, 
blitzenden Kugeln an ihnen empor — ach, Sylvia, von 
all diesen Schönheiten unserer Heimat haben wir nie in 
glücklicher, traulicher Gemütlichkeit zusanunen gesprochen!" 
»Ich weiß ja, es ist mir in diesen stillen Wochen zum 
Bewußtsein gekommen, Herbert, daß du viel in der Zeit 
dieser Ehe getragen, daß du unendliche Geduld niit mir 
»ehabt hast 
»Weil ich die Überzeugung hatte, daß du doch noch 
Liebe in mein Leben hineintragen würdest. Und so ließ 
ich dir Zeit und Muße, dich in alles hier zu gewöhnen 
jenes Erlebnis auf dem Schiff zu vergessen. Ich wollte 
»uf dich und deine Liebe warten, denn damals, als ich 
dich bei dem verwundeten kleinen Malavenkinde sah. 
fühlte ich, daß dein Herz der Liebe besaß. Aber ich fühlte 
tuch, dgß dein Herz fich vor mir noch verschloß. — Ich 
a Grupe-Lörcher. ■ .. • 
(Nachdruck verboten.) 
will nicht wissen, was zwischen dir und dem andern da¬ 
mals gesprochen worden ist, aus welchen Gründen du dich 
von ihm abgewandt hast. Aber wenn du mir sagst, daß 
du nichts.mehr für ihn fühlst, daß er deinem Herzen nicht 
mehr wichtig ist, will ich alles in meinem Herzen auS- 
löschen, was hinter uns liegt, will ich glauben, daß jene 
Neigung von dir ein Irrtum war, daß es eben ein un¬ 
glückliches Zusammentreffen war, daß jener in deinen 
Lebensiveg trat, als du mit deinem liebebedürftigen, vollen 
Herzen allein in die Welt hinausfuhrst." 
Sylvia richtete sich von neuem auf und sah Herbert 
ckar ?n die Augen: „Ja, das war es! Würde ich diesem 
Manne letzt, begegnen, so würde ich wahrlich keine Zu¬ 
neigung zu ihm fassen. Du hast recht, er begegnete in 
einer unglücklichen Zeit meinem Leben. - Aber ich hätte 
nut offeneren Augen dir und meinem neuen Leben ent« 
gegentreten sollen, . ich hätte vieles nicht beurteilen 
sollen, was ich nicht richtig beurteilen konnte, weil 
ich dich nicht kannte und die Verhältnisse auch nicht! 
Das baue ich alles eingesehen und ich kann dich jetzt nur 
um Verzeihung bitten. Wenn du mir nicht verzeihen 
kann,!, dann laß mich von dir gehen. Odtzr du ver¬ 
gibst mir —" 
.. »Und du bleibst bet mir!" vollendete er, als sie 
zögerte. 
Wie sehr er sie liebte! Noch mehr, wie sie so vor ihm 
lag, noch geichwächt von der Krankheit, halb hilflos, mit 
wrem schmaler gewordenen Gesicht und den fragenden 
schonen Augen, als damals, wie sie gesund und blühend 
und selbstvertrauend an jenem ersten Abend vor ihm stand 
und nach ihrer Freiheit rief! 
»Und du bleibst bei mir?" wiederholte er noch einmal. 
/>oer diesmal noch leiser, wie voll großer innerer Feier¬ 
lichkeit. Er umschlang ihre Schultern, er lehnte ihren 
Kopf an seine Brust, er küßte sie auf den Mund. 
,, »Liebste!" sagte er dann zart und strich über das 
blonde Haar, „Liebste!" 
Es ging ihm kein Wort mehr über die Lippen, und 
doch war sein Herz so voll, so übervoll. Und Sylvia blieb 
in seinem Arm liegen, ganz ruhig, wie ein müdes und 
krankes Kind. 
Da ging ein leises Zittern durch ihren Körper. Sie 
war der Erregung noch nicht gewachsen. Er küßte ihr die 
Tränen von den Wangen. .Nicht weinen, mein Müschen!" 
,agte Herbert plötzlich und strich ihr über das Haar, und 
eine Erinnerung fiel ihm ein, an die er viele, viele Jahre 
nimt mehr gedacht — wie Sylvia sich an einen großen 
ttemernen Vorsprung gestoßen, als sie als Kinder einmal 
um die Michneliskirche tobten, da hatte er sie auch ge- 
halten und sie beruhigend gestreichelt: „Nicht weinen, mein 
Müschen! 
„ »Jetzt legst du dich zur Ruhe, Liebling, denn es ist 
spat und du bist viel zu lange aufgeblieben, und das alles 
c?lit dich viel zu sehr erregt. Ich werde Majan rufen, daß 
sie dir hilft. Nun schone dich und ruhe dich die nächste 
Zeit recht aus. Morgen, wenn der Tag graut, breche ich