LSMSM gegen seine schweren inneren Berletznngsn! ^aZ 
Mes würde ihm nur noch mehr Qualen, bereiten. 
j”- Als sie sich über ihn beugte, ftmb sie seine Zi>e noch 
entstellter, aber er erkannte sie und schien 'wieder, zu Be¬ 
wußtsein gekommen zu sein. 
„Ich ersticket" sagte er gequält und schien den 
Wunsch zu haben, sich aufzurichteu. Sie ssigge fernen 
.Rücken durch ihren Arm. „Wird es Ihnen nun leichter?" 
Seine Augen schlugen wieder voll auf, als er ihre 
Stimme hörte. Und sie fuhr leise, voll innigen Mit¬ 
leides fort: 
' »Ich werde Sie so stützen und halten und Sie werden 
leichter atmen können — ich bleibe bei Ihnen, tns unsere 
Fahrt zu Ende ist —" 
I' „Bis meine Fahrt zu Ende ist!" murmelte er. „Oh. 
Frau Sylvia, nun, da Sie noch gekommen sind, scheinen 
mir alle Qualen leichter." Und nach einer Weile; „Wo 
sind wir?" 
„Nicht weit von Manila; wir werden bald die ersten 
Häuser erreichen." Eine große Unruhe schien über ihn zu 
kommen. Er wandte den Kopf in Sylvias Arm von einer 
Seite zur andern, seine Hände schlossen und öffneten sich. 
„Ich möchte noch einmal alles sehen!" flüsterte er 
nach einer Pause. Sie schob die Bahre mit einem leichten 
Druck etwas zur Seite und richtete ihn stützend aber¬ 
mals auf. * 
Da ging sein Blick klar über die Landschaft: über das 
spiegelnde Wasser, über die im Nachtwind zitternden feinen 
Bambusen am User, über die schlummernden, armseligen 
Dörfer der Eingeborenen — zu den Bergen in der Ferne, 
zu den Häusern von Manila im silbernen Zwielicht. 
„Das ist meine Heimat, mein Land! Es ist bitter 
für mich,daß ich es verlassen muß, ohne ihm geholfen zu 
haben, daß mein Tod nichts nützt, ihm zur Freiheit zu 
Helsen. Aber all meine ' Bitterkeit wird gelindert — da 
Sie in Dieser Stunde um mich sind, daß mein Leben nach 
vielem Schweren jetzt unter sorgender Liebe endet —" 
„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich meine Schwachheit, 
meine Ohnmacht, Ihnen zu helfen, empfinde", unterbrach 
Sylvia ihn leise, „gibt es nichts, was ich Ihnen erfüllen 
sonnte, teilten Wunsch, dessen Ersüllung Sie glücklich 
machte?" 
Als sie voll leidenschaftlichen Mitleides seine Hand 
ergriff, war sie tnhl, und als sie sah, daß er antworten 
wollte, beugte sie sich tiefer hinab, denn nur im Flüster¬ 
töne beüsegten sich noch seine Lippen. 
„Verlassen Sie bald dieses Land, das so schön und so 
verführeriscq ist — kehren Sie mit JhreNl Gatten in Ihre 
schone deutsch? Heimat zurück, in der es Frieden gibt und 
, Gcrechtitzkcit, Gerechtigkeit!" 
In tiefem Schweigen glitt der Kahn dahin. Don 
seinen Jniassen kam kein Laut. Unbeweglich kniete Sylvia, 
den immer schwerer Zurücksinkeitden mit keiner Bewegung 
zu hören. Unbeweglich hielt sie den Blick ans seine Züge 
gerichtet, nur von dem einen Gedanken bewegt. ob es 
seine Möglichkeit gab, dieses fliehende Leben zu galten. 
Endlich bettete sie gen Toten in das Küssen nieder 
und er! ob sich mit schweren Knien. Sie bli..1e sich nach 
Herbert um. Er lag, dev Kops zurückgclehni, und sah in 
die Weite. Er hatte die Empfindung gehabt, als dürfe 
er als dritter nicht dazwischentrete», wo Janatio an Der 
Schwelle vor Tod und Leben seine letzten G.danken zu 
der von ihm geliebten Frau sprach. Es war Hmoerl klar 
geworden, daß Jgnativs Angst sin, 'Sylvias e.icvcrlwit, 
die ihn in der Gejahr noch zu Herbert ge. i- , eurer 
tiefen Liebe entsprang, einer immer uu<'cr« 
gekämpften Liebe. 
b Er hatte Sylvia noch nie so ergriffen aesiüc'l Ob¬ 
gleich sie nicht weinte, lag ein sol.r.cr £-«. n. en> to 
tiefer Ernst in ihren Zügen, daß ,eme (OO.nin .fragend 
.in die Vergangenheit zunickgingen. in irr Syl-üa ihm 
kalt, stolz und unnahbar erschienen war. 
ff Und von all den schweren Wochen mclfle er den 
.Segen mitnehmen, daß sie Sylvias wahres We,en geweckt 
batten. 
Sylvia setzte sich still wsieder neben ihren Gatl'u. Dann 
.sprachen sie noch mit Liebe von dem, dessen y . n :.-ios 
verblutet war, der ihre Gedanken daraus ae ui i .«e, 
.als schönstes Ziel wieder in ihre deutsche Hei nt zuruck- 
»ukehren. Jetzt lagen noch Jahre der Arbeit vor ihnen. 
! Den engten sich die Hauser von Manila. Syloiü 
| a,niete tu > ans. Das Schicksal hatte es gut mit ihr ge« 
! s'ch'Ull ,'■>!..1 wie Ignalio als Toten führte der Kahn 
unen Mann -uruck, und das Opfer einer lebenslangen 
I Neue^nrr inwr von ihr gefordert worden. 
I - .! Er •"! fülu’-.n Sylvia und Heuert Hand in 
•<. aru n..i eu.cn> Nachen in Manila ein ~ w 
- — Ende, -s* 
Orr .OdLnsn Cagc von Hranjuez., 
Der ernste Spanier ist gleichzeitig derjenige, der seine 
veu« am ranschendsten feiert. Ja, man kann sagen, daß 
span.scoe Feste ihresgleichen nicht in der Welt haben. Die 
Sommermonate sind in dieser Beziehung die wichtigsten. 
Man feiert in dieser Zeit die Heiligen und neben den 
Märtyrern, Beichtvätern und selig gesprochenen Jung¬ 
frauen auch. allerlei irdische Herrlichkeiten. Die Feste 
überstürzen sich, die Berge hallen wider von den Böller¬ 
schüssen, zwischen grünen Hügeln und Tälern und dem 
blauen Meere tummelt sich eine nach Tausenden und 
aber Tausenden zählende festliche Menge. Und wenn die 
Dunkelheit hcrcinbricht, ist ein Leuchten und Blitzen aller 
Ecken und Enden, Raketen ziehen ihre mehr oder niinder 
kühnen Bogen am Himmelsgewölbe, und ans der Erde 
träumt man unter der Lanrpen- und Laternenpracht von 
Tausend und einer Nacht. 'Auch der kleinste Ort scymückt 
sich mit Hunderten von Lichtern, wenn er eine festliche 
Überlieferung, einen Heiligentag zu feiern hat. Und 
die Fahnen wehen allenthalben, und ' die Liebes¬ 
lieder erfüllen die Lust. Tagelang zieht sing der 
Freudentaumel hin. Von der Heiiigenfeier des einen 
Ortes geht es. zur Kirchweih . Mr zum Jahrmarkt 
des anderen. Durch Staubwolken drängt der Juvel vor¬ 
wärts. Die Sonne brütet auf die schattenlose Straße her- 
uleber, aber man drängt bergamwärts ins Grüne, in die 
Frische. Die schwerfälligen, bis zur UnwahNü.eurlichkcckt 
beladenen Karren und Postkutschen steuern mit beängsti¬ 
gendem Stöhnen und Ächzen durch die Menge der Fu߬ 
langer, aus welche die Führer SÄimpfworte und Peitschen¬ 
hiebe hinabhageln, um sich Platz zu machen. Neidische 
Blicke folgen - den Glücklichen, die sich nicht auf 
ihren eigenen Beinen fortznbewcgcn brauchen. Aua» 
fröhliche Maultiertreiber und Esel-Reiter traben daher. 
Ihre schellendehangenen Tiere geben dem Lärmen ringsum 
einen neuen Ton. In gleichem Maße, als man der 
Sonne entflieht, wächst die Lustigkeit. Hier und da sängt 
bereits eine vorlaute Gitarre zu klimpern an, man inacnt 
an irgendeiner mn des Festes willen frisch mit Kalt' ge¬ 
tünchten Straßenecke Halt, wo Platten rauchenden Fleisches 
und leckerer Würstchen neben gewaltigen Weingefäßcu locken. 
Die Angen werden glänzender, die Gesichter röten ,.ct» und 
nehmen jenesi geivisseu Ausdruck wahrer Feier.a'sinmmung 
an, in dem sich die volle Glückseligkeit der Piaffe wider¬ 
spiegelt. lind init dein Hereinbrechen der Dunkelhei2>wird 
aus dem Lärmen ein Toben, ein babylonisches St.mmen- 
gewirr, ein Liebesgirren hüben, ein Weingesang »drüben, 
zwischcnein Gezänk und Getü;e ob zerbrochener Gläser. 
Ringsherum Bettler und was für Bettler! Vor den 
Schaubuden, an den Kirchentnren — wohin n-.an blickt, 
Bettler! — Gräßliche Gestalten, voll Jammer, Ekel und 
Scynintz! Wenn inan ivissen will, was Betrlerplage ist. 
muß man ins schöne Hsipanien gehen. Aber die Pienge 
läßt sich in ihrem Freudentaumel nicht stören; man gibt 
ans Gewohnheit eine Kleinigkeit, das Herz spricht aber 
dabei nicht mit, es sitzt in 'den wonnetrunkenen Augen 
ans den nach irdische» Freuden lüsternen Lippen. Und die 
Aufmerksamkeit wird schnell auch auf die zahlreichen Wahr- 
sagerinnen gelenkt, die auf Stühlen stehen und die Menge 
bejchwvren uneben einzelnen mit Schreckens- und Freuden- 
bitdern betäuben, die sie ihm mit eben genau demselben 
Einst vortragen als ihre Berufsgenossinnen vergangener 
Zeit, denen die Inquisition den Scheiterhaufen bereitete. 
Und so vergeht die ganze Nacht in unermüdlichem Freuden¬ 
taumel. Erst wenn die ersten Strahlen des Tagesgestirns 
die umliegenden Berggipfel beleuchten, drängt das Völkchen 
heimwärts, in die Werkstätten und Arbeitssuchen, um am 
kommenden Abend ein neues Spiel der Lust und Freude 
zu beginnen. « '' r