Full text: Hrabanus Maurus der Schöpfer des deutschen Schulwesens

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aber noch bei Zeiten durch König Ludwig unterdrückt und beschwichtigt wurde . Von dieser Zeit an soll Hraban häufiger auf seinem Landsitze zu Winkel76 ) am Fusse des den ganzen Ilheingau beherrschenden Johannisberges oder auch abwechselnd auf sem selbst gewohnt haben , was von seinem reinen Natur - und Schönheitssinne nicht minder zeugt als seine vormalige Einsiedelei auf dem Petersberge . Als Göthe im Herbst 1814 auf einem Landgute zu Winkel lebte , und des Genusses der herrlichen Lage , die nach allen Seiten den Blick frei lässt , nicht satt werden konnte , sprach er über den anmuthigen Zauber jener Gegend ein ebenso wahres als gewichtiges Wrort aus : „ Hier zeigt sich die Welt mannichfaltiger als man sie denkt ; das Auge selbst ist sich in der Gegenwart nicht genug77 ) . “ Hrabans Haus stand täglich der Armuth und Dürftigkeit oifen , und während im Jahr 850 dort eine grosse Hungersnoth wüthete , soll er täglich mehr als 300 Arme gespeist haben . Als von dem Ruf seiner Mildthätigkeit lockt ein von Hunger fast aufgeriebenes Weib aus Kreuznach , noch ehe sie die Schwelle erreichte , todt niedergestürzt war und ihr Säugling noch immer Nahrung an der brust suchte , da wurde der fromme Greis bis zu Thränen gerührt . 
In solcher Art wirkte und waltete Hraban bis ins höchste Alter , als ihn im ten Jahre seines Oberhirtenamtes ein heftiges Fieber ergriff und den 4 Februar 856 sein segenreiches Leben zerstörte78 ) . Seine Bücher vermachte er theils der Abtei Fulda , theils dem Kloster des h . Albanus zu Mainz , wo auch seine Ueberreste beigesetzt wurden und bis ins Jahr 1515 verblieben , als sie Erzbischof Albert nach Halle in die Basilica des h . Mauritius ( Moritzburg ) bringen liess . Der grösste Deutsche Dichter gedenkt im Rochusfest einer verfallenen in ein Winzerhaus verwandelten Capelle des heiligen Rabanus zu Winkel : „ die Erde oder vielmehr der Schutt , aufgerafft an der Stelle wo der Altar gestanden , soll Ratten und Mäuse vertreiben79 ) . “ Gewiss ist dass seine geistige und sittliche Wirksamkeit ähnliches Ungeziefer aus Kopf und Herz verscheuchte ; weshalb ihn denn auch die Deutsche Kirche von Alters her als Heiligen und chenlehrer verehrt hat : im Römischen Martyrologium steht er nicht . Sein Name aber wird in der Geschichte der Litteratur und Christlichen Kirche80 ) , sowie er schon ein Jahrtausend überdauert hat , unsterblich fortgrünen und immerdar im Reiche des Lichts und der Wahrheit als ein Stern erster Grösse glänzen . 
76 ) Damals Vinicella genannt , d . h . Weinkeller , dergleichen die Römer schon frühzeitig in jenen genden angelegt haben sollen . S . Schneiders Buchonia III , 2 . S . 1« 
77 ) Göthes Werke Bd . 43 . S . 290 . i 
78 ) Vid . Pertz . monum . Germ . hist . I p . 50 . 369 . 
79 ) Göthes Werke Bd . 43 . S , 301 . 
80 ) L . Wachlers Handbuch der Geschichte der Litteratur II S . 370 . 446 . Heerens Geschichte der classischen Litteratur im Mittelalter I S . 162 , Schröckhs Kirchengeschichte XXIII S . 272 ff .
	        
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